Neue Vertriebskanäle — Wie verändern sie Produktion und Konsumgewohnheiten von Musik?

Nicht nur hat die Digitalisierung unseren Musikkonsums verändert, auch die Art der Produktion von Songs nimmt eine neue Form an. Der Überfluss an und die Omnipräsenz von Musik führt dazu, dass sich die Halbwertszeit von Musik drastisch verkürzt.

Meine erste CD erhielt ich auf den 12. Geburtstag: Bad von Michael Jackson. Dieses Album hat mich bis in die späten Teenager-Jahre begleitet. Immer wieder habe ich es aus dem CD-Regal heraus gegraben, über Jahre war es mein Lieblingssilberling. Heute, 21 Jahre später, tue ich mich schwer dabei zu sagen, welches mein Lieblingsalbum, oder gar mein Lieblingsmusiker ist, ich höre zu viel verschiedene Musik dafür, streame sie über Spotify oder Soundcloud. Als Musikfan und Dj bin ich wahrscheinlich mehr Musik ausgesetzt als anderen. Aber auch moderate Musikenthusiasten können bestätigen, dass einfach immer wie mehr Musik produziert wird. Und nicht nur das — Musik ist überall präsent und einfach zugänglich — musikhören ist fast schon wie atmen.

Diese Entwicklung führt dazu, dass die Idee des ikonischen Albums schon bald ausgedient hat. In Seinem Buch “Eine neue Version ist verfügbar” erwähnt Dirk Von Gehlen ein Interview mit dem Musikprofessor Peter Weihe. Dieser konstatiert im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk, “wie sich das Erstellen von Musik durch den technischen Fortschritt »radikal geändert« hat, “weil die Digitaltechnologie es möglich macht, Samples überall auf der Welt in gleicher Qualität verfügbar zu halten”. Die Folge davon ist, dass Produzenten von Hits umgehend Nachahmer finden, ihr Talent also sofort kopiert wird. Dabei spielen nicht nur die überall angebotenen hochwertigen Samples eine Rolle, wie im Interview erwähnt, sondern auch die YouTube-Tutorials, die dem Produzentennachwuchs Einblick in die Produktionsgeheimnisse ihrer Vorbilder geben. Und erblickt dann doch mal ein bahnbrechendes Werk und potentieller Klassiker das Licht der Pop-Welt, geht dieses leicht unter in der Schwemme musikalischer Erzeugnisse.

Das Internet und die Digitalisierung haben die Produktion und die Distribution von Musik erleichtert und dadurch grundlegend verändert. So stellt Adam Harper in dem Artikel “The Online Underground: A New Kind of Punk” fest:

“By the 1970s, what made punk particularly possible was (…) the technologically lowered threshold of performing, recording and spreading the word. (…) Today this is happening as the latest phase in an ongoing process of technological-musical empowerment, with the vast migration of independent music online (…). The modern disconsolate teenager (…) has powers of production and distribution that her ’70s counterparts could hardly dream of.”

Diese „technisch-musikalische Ermächtigung“ der Generation Internet führt zu einem Erhöhten Output von Musik, wobei — ähnlich wie beim Aufkommen von Punk — eine Diskussion über die Qualität der Stücke ins Rollen kommt:

“There are of course qualitative drawbacks to self-releasing. (…) And, putting the wilder forms of creative relativism to one side, their work can often suffer from poor technique: dodgy mixing or mastering, for example, or what I call “timestretchmarks.” (…).” Doch die fehlende Audioqualität wird laut Harper durch den Innovationsgrad der Musik wettgemacht: “The problem lies with what “good music” is, and whether you’d rather have “good” music or new and interesting music”.

Zwar bezieht sich Harper in seiner treffenden Analyse explizit auf die Punk-Bewegung, die er mit den Entwicklungen der Nischen-Musik im Netz vergleicht. Doch es zeigt sich, dass diese Tendenz auch im Mainstreambereich zu erkennen ist. Über die Arbeitsweise des Erfolgrappers Young Thug erfährt man in der New York Times:

“(Young Thug) is never not producing something. (…). That makes him ideally suited to the digital drip that is modern-day music distribution. (…) He’s released a handful of new songs and videos, some of which will end up gaining traction, and the rest destined to be effluvia on the digital trail of his creativity“.

Pop-Musik wird also zunehmend volatil, die Anzahl Veröffentlichungen nimmt so stark zu, dass die Qualitätsbeurteilung des einzelnen Tracks kaum noch eine Rolle spielt. Dream Catalogue, Aushängeschild des Internetgenres Vaporwave, meint dazu:

“Culture is so fast paced now that all this music is just passing noise, disposable almost, and I like that aspect of it a lot. I love going on Soundcloud and just listening to the stream, knowing I may never hear these songs again, and they will just disappear into the wind”.

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Spiel mir das Lied von der Not — Zasterlaster und Innovationshemmungen unter Musikern